Bert Hellinger, der Begründer der Familienaufstellung, hat mit seiner Arbeit drei wesentliche Prinzipien herausgearbeitet, die in jedem System, insbesondere in Familien, wirken: Bindung, Ordnung und Ausgleich. Diese drei Prinzipien bestimmen maßgeblich, wie harmonisch oder gestört die Beziehungen in einem Familiensystem sind. Werden diese Grundsätze missachtet, kann es zu emotionalen oder physischen Belastungen kommen, die sich über Generationen hinweg fortsetzen. Schauen wir uns diese Prinzipien genauer an und wie sie unser Leben beeinflussen.
1. Bindung: Das unsichtbare Band der Zugehörigkeit
Was ist Bindung?
Bindung beschreibt die tiefe, oft unbewusste emotionale Verbindung, die jedes Mitglied eines Familiensystems mit den anderen teilt. Jeder möchte dazugehören, niemand will ausgeschlossen werden. Diese Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis und sichert unser Überleben, nicht nur physisch, sondern auch emotional. In der systemischen Therapie bedeutet Bindung, dass wir immer Teil unseres Familiensystems sind, egal, ob wir dies bewusst wahrnehmen oder nicht.
Warum ist Bindung wichtig?
Bindung schafft Stabilität und Sicherheit. Kinder fühlen sich sicher, wenn sie ihre Bindung zu den Eltern spüren und die Zugehörigkeit zur Familie nicht infrage gestellt wird. Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit kann jedoch dazu führen, dass wir unbewusst Verhaltensweisen oder Schicksale von Familienmitgliedern übernehmen, um die emotionale Verbindung zu bewahren. Bindung kann also auch belastend sein, wenn sie uns in Verstrickungen führt.
Ein Beispiel für Bindung:
Stell dir vor, ein Kind wächst in einer Familie auf, in der der Vater früh verstorben ist. Die Mutter ist emotional sehr belastet, trägt jedoch ihren Schmerz mit sich allein. Das Kind, das den Schmerz der Mutter spürt, entwickelt das Bedürfnis, ihr beizustehen und emotional zu entlasten. In seiner tiefen Bindung zur Mutter übernimmt das Kind unbewusst die Trauer und die Verantwortung für das Wohl der Mutter, obwohl es eigentlich die Rolle des Kindes einnehmen sollte. Diese Bindung kann das Kind später in seinem eigenen Leben blockieren, weil es die Trauer der Mutter weiterhin mitträgt und nicht in der Lage ist, sich vollständig zu entfalten.
Worauf solltest du achten?
In der systemischen Therapie geht es darum, diese Bindungen bewusst zu machen. Es ist wichtig zu erkennen, dass wir Teil des Familiensystems sind, aber nicht die Lasten anderer tragen müssen. Die Bindung zur Familie bleibt bestehen, aber wir lernen, unser eigenes Leben unabhängig von den Schicksalen der anderen zu führen. Es geht darum, die Zugehörigkeit anzuerkennen, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen.
2. Ordnung: Die natürliche Hierarchie im Familiensystem
Was ist Ordnung?
Die Ordnung in einem Familiensystem beschreibt die natürliche Hierarchie, die sich durch die zeitliche Abfolge der Geburt und wichtige Lebensereignisse ergibt. Eltern kommen vor den Kindern, Ältere vor Jüngeren, und jeder hat seinen Platz im System. Wenn diese Ordnung respektiert wird, entsteht Harmonie. Wird sie gestört, kann es zu inneren und äußeren Konflikten kommen.
Warum ist Ordnung wichtig?
Ordnung sorgt für Stabilität und Klarheit. Jeder hat seinen rechtmäßigen Platz in der Familie, und wenn diese Hierarchie gewahrt bleibt, fließt die Energie im System harmonisch. Wird die natürliche Ordnung jedoch verletzt – zum Beispiel, wenn ein Kind die Verantwortung der Eltern übernehmen muss oder ein Geschwisterkind übergangen wird – kann es zu emotionalen Störungen oder Verstrickungen kommen.
Ein Beispiel für Ordnung:
Ein Junge wächst mit einem jüngeren Bruder auf, der früh verstirbt. Die Eltern sind über den Verlust tief erschüttert und beginnen, den verstorbenen Bruder zu idealisieren. Der überlebende Junge spürt, dass er „nicht genug“ ist, weil die Eltern weiterhin im Schmerz über den Verlust leben. Er versucht, die Rolle des verlorenen Bruders zu übernehmen, um die Eltern zu trösten. Hier wird die Ordnung gestört: Das Kind übernimmt eine Rolle, die ihm nicht zusteht. Anstatt sein eigenes Leben zu leben, versucht es, den Platz des verstorbenen Bruders einzunehmen. Diese Störung der Ordnung kann später im Leben zu inneren Konflikten und Selbstwertproblemen führen.
Worauf solltest du achten?
In der systemischen Therapie wird darauf geachtet, dass jeder seinen Platz im Familiensystem einnimmt. Eltern sind Eltern, Kinder sind Kinder. Es ist wichtig, die natürliche Hierarchie zu respektieren. Wenn diese Ordnung wiederhergestellt wird, kann das System heilen und jeder bekommt die Kraft, die ihm zusteht. Niemand muss die Last eines anderen tragen oder eine Rolle einnehmen, die nicht die eigene ist.
3. Ausgleich: Das Gleichgewicht von Geben und Nehmen
Was ist Ausgleich?
Ausgleich beschreibt das Prinzip des Gleichgewichts zwischen Geben und Nehmen in jeder Beziehung, sei es in der Familie, in Partnerschaften oder im beruflichen Umfeld. Wenn einer immer nur gibt und der andere nur nimmt, entsteht ein Ungleichgewicht, das die Beziehung belastet. Umgekehrt sorgt ein ausgeglichenes Verhältnis von Geben und Nehmen für Harmonie und Zufriedenheit.
Warum ist Ausgleich wichtig?
In jeder Beziehung entsteht durch das Geben und Nehmen eine Balance. Diese Balance sichert die Stabilität der Beziehung. In gesunden Beziehungen geben und nehmen beide Partner in etwa gleich viel – nicht nur materiell, sondern auch emotional. Wird dieser Ausgleich gestört, etwa wenn ein Partner immer nur für den anderen da ist und nichts zurückbekommt, kann dies zu Unzufriedenheit und emotionalen Spannungen führen.
Ein Beispiel für Ausgleich:
Stell dir ein Paar vor, in dem eine Frau ihren Partner über viele Jahre hinweg emotional und finanziell unterstützt. Sie gibt immer mehr, während der Partner in einer passiven Rolle bleibt. Diese Ungleichheit führt dazu, dass die Frau irgendwann erschöpft ist und das Gefühl hat, sie bekommt nichts zurück. Hier ist das Gleichgewicht von Geben und Nehmen gestört, was langfristig zu Konflikten in der Partnerschaft führt.
Worauf solltest du achten?
In der systemischen Therapie ist es wichtig, dieses Prinzip des Ausgleichs bewusst zu machen. Wenn wir erkennen, wo das Gleichgewicht von Geben und Nehmen gestört ist, können wir Veränderungen einleiten. Dabei geht es nicht nur um materielle Dinge, sondern auch um emotionale Unterstützung und Anerkennung. Ein gesundes Geben und Nehmen schafft die Grundlage für eine erfüllte und stabile Beziehung, sei es in der Familie, Partnerschaft oder im beruflichen Umfeld.
Harmonie durch die Balance von Bindung, Ordnung und Ausgleich
Bindung, Ordnung und Ausgleich sind grundlegende Prinzipien, die in jedem Familiensystem wirken. Wenn diese Prinzipien in Balance sind, erleben wir Harmonie und Stabilität in unseren Beziehungen. Wenn sie jedoch gestört sind, können wir in systemische Verstrickungen geraten, die uns blockieren und unser Leben negativ beeinflussen. Die Systemische Therapie bietet einen Weg, diese Dynamiken sichtbar zu machen und ins Gleichgewicht zu bringen. Indem wir die Bindungen erkennen, die natürliche Ordnung wiederherstellen und den Ausgleich zwischen Geben und Nehmen anstreben, schaffen wir Raum für Heilung und persönliche Weiterentwicklung. So wird es möglich, unser eigenes Leben in Freiheit und Selbstbestimmung zu gestalten.